Vernunft

In der klassischen philosophischen Tradition ist V. primär die ontologische V.: die Struktur des →Geistes, die es ihm ermöglicht, die Wirklichkeit zu ergreifen und umzuformen und sowohl subjektiv als auch objektiv ist. Die ontologische umfasst die technische V., welche eine nur kognitive Funktion hat und nur in Mittel-Ziel-Beziehungen existiert.
Die subjektive V. ist die rationale Struktur des Geistes, die objektive V. die rationale Struktur der Wirklichkeit. Der Realismus hält die subjektive V. für eine Wirkung der objektiven V. Der Idealismus betrachtet die objektive V. als eine Schöpfung der subjektiven V. Jeder V. liegt die Tiefe der V. zugrunde, etwas, was man metaphorisch mit „Substanz“, →„Sein-Selbst“, „Grund“ oder „Abgrund“ beschreiben könnte und was sich in Mythos und Kultus ausdrückt.
Die aktuelle V. hat teil an der existentiellen Spaltung, an der →Zweideutigkeit des →Lebens: Die endliche V. erkennt ihre Unfähigkeit, ihren unendlichen Grund zu ergreifen und wird dadurch des Unendlichen gewahr, der Tiefe, an der sie essentiell teilhat.
Unter den Bedingungen der Existenz ist die V. zerrissen zwischen:

  • Autonomie (dem Gehorsam des Individuums gegenüber dem V.gesetz) und Heteronomie (der Unterstellung der V. unter ein →Gesetz von außen),
  • dem statischen Element der V (Absolutismus der Tradition bzw. der Revolution) und dem dynamischen Element der V (positivistischer Relativismus, er nimmt, was „gegeben“ ist, ohne nach absoluten Kriterien für dessen Wert zu fragen; zynischer Relativismus, er gebraucht die V., um die V. zu leugnen),
  • Formalismus (in der kognitiven und ordnenden Funktion der V.; Gefahren: Intellektualismus und Konventualismus) und Emotionalität (Gefahr: Irrationalität, geistige Substanzlosigkeit).
  • Unter den Bedingungen der Existenz ist die kognitive Funktion der V. von dem Konflikt zwischen Einung und Trennung beim Erkenntnisprozess geprägt. Das beherrschende Erkennen durch Analyse und in Distanz macht das Erkannte zum Objekt. Durch das Mittel des Experiments ist es sich, aber nicht bedeutsam. Das einende Erkennen in der Partizipation nimmt das Objekt in sich auf. Durch den Weg der Erfahrung ist es unsicher, aber bedeutsam.

Allein die letztgültige →Offenbarung (l.O.) in →Jesus Christus als dem Träger des →Neuen Seins überwindet diese Konflikte:

  • Durch die vollständige Transparenz des Seinsgrundes im Träger der l.O. wird die autonome V. vor Tiefenverlust bewahrt. Die Selbstopferung der Mediums der l.O. hält die heteronome V. davon ab, sich autoritär gegen die rationale Autorität zu stellen.
  • Die l.O. überwindet den Konflikt zwischen Absolutismus und Relativismus, weil durch sie in der konkretesten Form von Konkretheit, in einem personhaften Leben, erscheint, was ohne Bedingung und Einschränkung absolut ist.
  • Die l.O. überwindet den Konflikt zwischen Formalismus und Emotionalismus, weil sie die Kraft hat, die Kluft zwischen Formalismus und emotionalem Leben zu überbrücken. Denn Erkenntnis und Emotion widersprechen sich nicht wesenhaft.
  • Die Offenbarung behauptet, sowohl die vollkommene Einheit zu schaffen mit dem, was in der Offenbarung erscheint, als auch den Forderungen des beherrschenden Erkennens, der Distanzierung und der Analyse, zu genügen.

Wo die Konflikte der existentiellen V. überwunden sind, kann man von „erlöster Vernunft“ sprechen (I 87–128; 175–182). DD

Advertisements