Sünde

Der Begriff „Sünde“ steht in großer Nähe zum Ausdruck →„Entfremdung“. Die traditionellen Topoi der Sündenlehre („Unglaube“, „hybris“ und „Konkupiszenz“) werden in der ST unter dem Stichwort „Entfremdung“ thematisiert.
Allerdings sind Sünde und Entfremdung keineswegs völlig identische Termini. Sünde enthält als Charakteristikum die Bedeutung eines persönlichen-aktiven Sich-Wegwendens von dem, wozu man gehört. Das Wort Sünde muss gerettet werden, „weil es in aller Schärfe auf das Element der persönlichen Verantwortung im Phänomen der Entfremdung hinweist“ (II 54).
Der Begriff der Entfremdung kann also nicht den der Sünde ersetzen, wohl aber die Perspektive abgeben, unter der Sünde zu verstehen ist.
Der Ausdruck „Erbsünde“ muss laut Tillich aufgegeben werden, weil er zu sehr belastet ist, um noch verwendet werden zu können. Eine Neuinterpretation dieses Begriffs ist erforderlich, welche die ursprünglich hinter diesem Terminus stehende reale Erfahrung, nämlich den „universalen schicksalhaften Charakter der Entfremdung“ (II 54) wieder klar zum Ausdruck bringt.
Die klassische dogmatische Unterscheidung von „Sünde als Zustand“ und „Sünde als Tat“ wird ebenfalls unter dem Stichwort der Entfremdung angesprochen. CP