Prinzip, protestantisches

Das protestantische Prinzip besagt, daß in der Beziehung zu Gott Gott allein handelt, und daß kein menschlicher Anspruch, aber auch kein intellektuelles, moralisches oder religiöses Werk uns wieder mit ihm vereinigen kann“ (III 257; III 161). Andernorts spricht Tillich mehrfach vom pr. Pr. des unendlichen Abstandes zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen (III 207), bzw. →Gott und Mensch (III 274), der von menschlicher Seite niemals überbrückt werden kann und identisch mit der Endlichkeit des Menschen ist. Für die Überwindung dieser →Entfremdung zwischen Gott und Mensch ist also nach dem pr. Pr. Gottes Hingabe das erste, eine Gabe seiner →Freiheit, die sich in einem unbedingten und totalen Akt der vergebenden Gnade äußert (III 224).
Erster und grundlegender Ausdruck des pr. Pr. ist die protestantische Rechtfertigungslehre (III 257). Dabei ist aber das pr. Pr. grundsätzlich keineswegs auf die →Kirchen der Reformation oder auf irgendeine andere Kirche beschränkt. Als Ausdruck der Geistgemeinschaft transzendiert es jede einzelne Kirche (III 281). In jeder Kirche stellt es diejenige Macht dar, die deren völlige Dämonisierung und Profanisierung verhindert (ebd.), insbesondere durch die ihm innewohnende prophetische Kraft der Selbstkritik (III 284). So stellt das pr. Pr. einen Angriff gegen eine sich selbst verabsolutierende und infolgedessen →dämonisch entartete Kirche dar (I 264; vgl. auch III 240), indem es gegen die tragisch-dämonische Selbsterhebung der Religion protestiert (III 281) und die Ablehnung der Gleichsetzung von Geistgemeinschaft und Kirche verlangt (III 274).
Infolge einer Zurückstellung jeglicher menschlicher Handlungen und Werke hinter den göttlichen Gnadenakt hat das pr. Pr. auf hierarchische Ordnungen eine stark zersetzende Wirkung; es löst auch das Prinzip einer abgestuften Pyramide von Schichten auf (III 24). So kann Tillich davon reden, dass das pr. Pr. „aus dem Priester einen Laien macht, aus dem Sakrament bloße Worte und aus dem Heiligen Profanes“ (III 431); er spricht sogar vom pr. Pr. „des Priestertums aller Gläubigen“ (III 240), oder vom pr. Pr., „nach dem Gott dem Niedrigsten so nahe ist wie dem Höchsten“ (III 431).
„Das protestantische Prinzip allein genügt jedoch nicht; die katholische Substanz, die konkrete Verkörperung der Gegenwart des göttlichen Geistes ist ebenso notwendig, aber sie ist dem Kriterium des protestantischen Prinzips unterworfen“ (III 281). CP