Mut zum Sein

Nach Tillich gibt es im Menschen drei Typen von Angst (nicht im psychologischen, sondern im ontologischen Sinne), von denen jeweils ein Typ in einer bestimmten Epoche der Gesamt- wie auch der Kirchengeschichte vorherrschend ist:
(a) Die Angst vor Schicksal und Tod in der Alten Kirche: Hoffnung auf Erlösung und Unsterblichkeit, Betonung der Realität des leiblichen Sterbens und der →Auferstehung des Leibes.
(b) Die Angst vor Schuld und Verdammung im Mittelalter und in der Reformationszeit: „Wo Vergebung der Sünde ist, da ist auch Leben und Seligkeit.“
(c) Die Angst vor Leere und Sinnlosigkeit in der Neuzeit: Erfahrung des Nichts und der Leere, Frage nach dem →Sein und nach dem Sinn.
Wie lässt sich der „Mut zum Sein“ gewinnen, wenn die göttlich-menschliche Begegnung im Sinne des Subjekt-Objekt-Schemas ebenso wenig erfahrbar ist wie die mystische Gottesbegegnung? Nur durch den „absoluten Glauben, der über das Hindernis des →Zweifels hinweg sowohl die Mystik als auch die göttlich-menschliche Begegnung transzendiert. Der absolute Glaube übersteigt den personalistischen Theismus, den Atheismus sowie die Mystik und glaubt an den „Gott über Gott“, d.h., an den Gott, der mehr ist als eine Person, mehr als etwas, womit ich mystisch verschwimmen kann und an den ich auch glauben kann, wenn ich vom radikalen Zweifel an Gott ergriffen bin. Wie kann ich das? Weil ich am →Sein-Selbst partizipiere, ganz gleich, ob ich Theist, Atheist oder Mystiker bin.
Der absolute Glaube „ist kein Ort, wo man leben kann; er ist ohne Sicherheit, die Worte oder Begriffe vermitteln, er ist ohne Namen, ohne Kirche, ohne Kult, ohne Theologie. Aber er ist in der Tiefe von ihnen allen wirksam. Er ist die Macht des Seins, an dem sie alle partizipieren und dessen fragmentarische Ausdrucksformen sie sind. […] Der Mut zum Sein gründet in dem Gott, der erscheint, wenn Gott in der Angst des Zweifels untergegangen ist“ (GW XI, 138f.). DD