Gesetz

Das G. ist grundsätzlich gut und ein göttliches Geschenk; „es zeigt dem Menschen seine essentielle Natur, seine wahre Beziehung zu →Gott, zum Nächsten und zu sich selbst. In der existentiellen →Entfremdung offenbart es die wahre Natur des Menschen“ (II 90). Analog dazu spricht Tillich mehrfach von der unbedingten Gültigkeit des moralischen Imperativs, die darauf beruht, dass dieser das essentielle →Sein gegenüber der existentiellen Entfremdung repräsentiert (III 58; 187; 312).
Gerade weil aber der Mensch von sich selbst und von Gott entfremdet ist, ist er aus eigener Kraft nicht fähig, das G. zu erfüllen und dadurch die Wiedervereinigung des Existierenden mit dem Wesenhaften zu erreichen. In dieser Situation wird das G. zum fordernden, unerfüllbaren Gebot (II 90f.). Insofern kann Tillich mit Paulus und weiten Teilen der christlichen Tradition sagen, dass das G (d.h. die Notwendigkeit seiner Existenz) Ausdruck der Entfremdung des Menschen von sich selbst ist (III 62).
Da nun das G. das essentielle →Sein des Menschen repräsentiert, liegt die Gefahr des Legalismus, des legalistischen Weges der Selbst-Erlösung (also des Versuches der Wiedervereinigung von →Existenz und Essenz durch Erfüllung des Gesetzes) nahe; eine Bestrebung, die zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist (II 90). Der Legalismus kann kein Heilsweg sein, auch wenn das G. immerhin die Kraft hat, eine teilweise Erfüllung herbeizuführen (III 63), aber „indem es das tut, treibt es gleichzeitig zum Widerstand, weil das G. gerade durch seinen ureigensten Charakter als Gebot unser Getrenntsein vom Zustand der Erfüllung bestätigt. Das G. erzeugt Feindschaft gegen Gott, den anderen Menschen und das eigene selbst“ (ebd.). Hier ist also bei Tillich implizit die Lehre vom usus elenchthicus, von der anklagenden und auf Christus hintreibenden Funktion des G.es, unverkennbar vorhanden.
Analog zu den beschriebenen →Zweideutigkeiten des Gesetzes (einerseits seine Berechtigung, andererseits die Unfähigkeit, die Wiedervereinigung von essentiellem und existenziellem →Sein herbeizuführen), ist auch das „zivile“ G. den Zweideutigkeiten der Existenz unterworfen: Es will einerseits der Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft dienen, bewirkt aber mit der Gerechtigkeit zugleich Ungerechtigkeit (III 103).
Dafür gibt es äußere Ursachen (Beziehung zwischen formuliertem G. und den Interessen der gesetzgebenden Autoritäten) und innere Ursachen (Abstraktheitscharakter jeden Gesetzes, der dem Rechnungtragen einer konkreten einzelnen Situation entgegensteht) (III 103f.).
Hinsichtlich der zwischen Luther und Calvin umstrittenen tertius usus legis (der Führung der schon vom göttlichen →Geist ergriffenen Christen durch das G.) tendiert Tillich eher zu Calvins Lösung, die eine solche dritte Funktion des G.es bejaht, da diese realistischer und als Fundament für eine protestantische Ethik eher geeignet erscheint als Luthers (ekstatische) Annahme, dass der göttliche Geist den von ihm Ergriffenen vom Buchstaben des Gesetzes freimache und ihm zugleich die Kraft gebe, in jeder Entscheidungssituation nach der Forderung der Agape zu handeln (III 263f.).
Was das G. nicht leisten kann, die Wiedervereinigung von essentiellem und existentiellem →Sein, vermag die Gegenwart des göttlichen Geistes. Die Liebe als Schöpfung des göttlichen Geistes enthält und transzendiert das G.; Sie erfüllt freiwillig, was das G. fordert, so dass man von einer theonomen Moralität als Moralität der Liebe sprechen kann. Die Liebe als agape ist kein G., sondern eine Realität (III 312f.).
Unter der Einwirkung des göttlichen Geistes kann auch das G. theonome Qualität annehmen und die Gerechtigkeit unzweideutig repräsentieren, wenngleich nur in fragmentarischer Weise (III 303).
Im Ziel und Ende der →Geschichte, im →Ewigen Leben, hört neben →Kultur und Religion auch die Moralität auf, eine spezifische Funktion zu sein. „Das ewige Leben ist das Ende der Moralität, denn in ihm ist kein Sein-Sollen, das nicht zugleich →Sein ist. Wo →Essentifikation ist, gibt es kein G., weil das, was das G. fordert, nichts anderes ist als das Wesen, die Essenz, die durch die Existenz schöpferisch bereichert ist“ (III 455).
Die sich heute in der christlichen Theologie mehr und mehr Geltung verschaffende Einsicht, dass man das jüdische Gesetzesverständnis, insbesondere das rabbinische, aber auch schon das pharisäische zur Zeit Jesu, keineswegs mit den erwähnten drei klassischen protestantischen Funktionszuweisungen an das G. erfassen kann, lag noch völlig außerhalb von Tilllichs Perspektive. Jüdische Torafrömmigkeit wird nicht eigens thematisiert, d.h. würde letztlich wohl unter die legalistischen Wege der Selbsterlösung einzuordnen sein und somit als möglicher Heilsweg ausscheiden. Immerhin findet sich aber die Bemerkung, dass das Judentum mit seiner Behauptung, Gesetzesgehorsam sei noch kein Legalismus, recht hätte (II 90). CP

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