Essenz und Existenz

Leben ist die Aktualisierung des Seins, seine beiden Hauptqualitäten sind Essenz und Existenz“ (III 21). Die Kluft zwischen essentiellem und existentiellem Sein ist das Prinzip, das dem theologischen System Tillichs zugrunde liegt (II 130). Tillich zeigt die existentielle Situation des Menschen, seine →Zweideutigkeiten und die daraus erwachsenden Fragen auf, und versucht entsprechend seinem „Prinzip der Korrelation“ darzustellen, inwiefern die göttliche →Offenbarung auf diese Fragen eine Antwort gibt und in der Lage ist, den Menschen wieder mit seinem essentiellen Sein zu vereinigen.
Essenz ist die eigentliche Natur des Menschen (II 10; 31), seine potentielle Vollkommenheit (II 69) und wirkliche Bestimmung, während Existenz das aktualisierte, also tatsächlich verwirklichte Seindes Menschen verkörpert, in dem seine essentielle Natur stets nur verzerrt zum Ausdruck kommen kann (II 10).
Das essentielle Sein ist kein Stadium der menschlichen Entwicklung, sondern stets nur in der existentiellen Verzerrung gegenwärtig. Als Zustand der →träumenden Unschuld besitzt es Potentialität, aber keine Aktualität (II 40).
Gott als der schöpferische Grund des Seins steht jenseits von Essenz und Existenz (I 239). „Das Sein-Selbst ist jenseits der Spaltung von Essenz und Existenz, der alles Endliche unterworfen ist“ (I 274). Daher wäre es auch falsch, Gott als die „universale Essenz“ zu bezeichnen (ebd.)
Zwischen Essenz und Existenz gibt es einen Bruch (II 36), eine Zerreißung (I 254), besteht eine Spaltung (I 274).
Wo die klassische christliche Theologie vom „Sündenfall“ spricht, beschreibt Tillich den „Übergang vom essentiellen zum existentiellen Sein“ (II 37) und verortet den Bruch zwischen Essenz und Existenz im →„Symbol des Falls“. Anhand der Genesiserzählung beschreibt er in II 37–52 die Voraussetzungen, das Ereignis und die Folgen des Übergangs. Entscheidend ist, dass in diesem Ereignis die Selbstverwirklichung des Menschen in →Freiheit mit seinem Schicksal zusammenfällt, Vollendung der Schöpfung und Fall zusammentreffen, die Erfüllung und Selbstaktualisierung mit dem Verlust der Einheit von Essenz und Existenz einhergeht (Vgl. I 294f.).
Die Aufhebung der Spaltung zwischen Essenz und Existenz, der →Entfremdung des Menschen und der Welt von Gott ist dem Menschen verwehrt. Alle diesbezüglichen Versuche der Selbsterlösung sind zum Scheitern verurteilt. Nur die Gegenwart des göttlichen →Geistes kann das →Neue Sein jenseits der Spaltung von Essenz und Existenz und der Zweideutigkeit des Lebens schaffen (III 165). Voraussetzung dafür war das Leben und Werk →Jesu als des Christus. Er zeigte denen, die unter den Bedingungen der Existenz leben, was der Mensch essentiell ist und darum sein sollte (II 103). Dieses essentielle Seinunter den Bedingungen der Existenz ist das Neue Sein in Christus (II 130).
Im Neuen Sein ist die Kluft zwischen essentiellem und existentiellem Sein überwunden. Wer „in“ Christus, also „im“ Neuen Sein ist, ist dementsprechend eine neue Kreatur, die Entfremdung seines existentiellen von seinem essentiellen Sein ist im Prinzip (im Sinne von „Anfang“ und „Kraft“), d.h. unter den Bedingungen der Existenz zunächst nur fragmentarisch überwunden (ebd.). Manifest wird diese Überwindung in den Schöpfungen des göttlichen Geistes im menschlichen Geist: →Glauben und →Liebe, wobei „Glaube“ als das Ergriffensein von der transzendenten Einheit unzweideutigen Lebens (und damit die Partizipation an ihr) zu verstehen ist (III 154).
Die endgültige Teilnahme an dieser transzendenten Einheit unzweideutigen Lebens ist dann erst im Ziel und Ende der →Geschichte, im →Reich Gottes verwirklicht. Durch die →Essentifikation ist etwas Neues zum essentiellen →Sein hinzugefügt worden, etwas, was sich in Zeit und Raum ereignet hat. Das essentielle Sein wird mit dem Positiven der Existenz verbunden, die Essenz durch die Existenz angereichert, ebenso wie das göttliche Leben durch die geschichtlichen Prozesse (metaphorisch gesprochen) (III 453f.). CP

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