Entfremdung

Als universaler und unausweichlicher Zustand des Menschen ist die E. ein Charakteristikum seiner →Existenz (II 84; III 114).
E. heißt, dass der Mensch als ein Existierender nicht das ist, was er essentiell ist und darum sein sollte (II 53). Die existentielle Situation des Menschen ist ein Zustand der E. – E. von seiner essentiellen Natur (II 31). Diese Selbst-E. ist die Folge der →Freiheit des Menschen, sich getrennt vom göttlichen Grund des →Seins selbst zu aktualisieren – ein Punkt, in dem Schöpfung und Fall, Erfüllung und Selbst-E. zusammentreffen (I 297).
E. kommt dem Ausdruck „Sünde“ sehr nahe, kann ihn jedoch nicht ersetzen.
Die drei Hauptmerkmale der menschlichen E. sind: (a) Unglaube, (b) hybris und (c) Konkupiszenz, wobei jeder der Begriffe einer Neuinterpretation bedarf (II 55).
(a) E. als Unglaube. „Unglaube bedeutet für den protestantischen Christen den Akt, in dem der Mensch sich in seiner Ganzheit von Gott abwendet. In seiner existentiellen Selbstverwirklichung wendet er sich seiner Welt und sich selbst zu und verliert seine essentielle Einheit mit dem Grunde von Selbst und Welt“ (II 55). Dabei wird die Erkenntnis-Einheit mit Gott zerrissen und der menschliche Wille von Gottes Willen getrennt. Insofern ist Unglaube das erste Merkmal der E (II 56).
(b) E. als hybris. Die strukturelle Zentriertheit des Menschen, seine Fähigkeit, sich selbst und seine Welt zu transzendieren, ist zugleich seine Größe und Würde („Ebenbild Gottes“ zu sein), als auch seine Versuchung, nämlich, sich selbst existentiell zum Zentrum seiner selbst zu machen, das göttliche Zentrum, zu dem sein eigenes Zentrum essentiell gehört, zu verlassen. So verfällt der Mensch, der seine Freiheit erfährt, dabei aber seine Endlichkeit nicht anerkennt, der hybris. „Hybris ist die Selbstüberhebung des Menschen in die Sphäre des Göttlichen“ (II 57,58).
(c) E. als Konkupiszenz. Der Grund für den Drang des Menschen, sich selbst zum Zentrum seiner selbst und der Welt zu machen (hybris), besteht darin, dass ihm dies die Möglichkeit gibt, die ganze Welt in sich hineinzuziehen. Jeder Einzelne hat, weil er geschieden ist vom Ganzen, den Wunsch, mit dem Ganzen wiedervereinigt zu werden, über das „Teil-Sein“ hinaus gehoben zu werden. „Seine Armut läßt ihn nach Überfluß suchen. […] Der klassische Name für diesen Wunsch ist ‚Konkupiszenz‘ – die unbegrenzte Sehnsucht, das Ganze der Wirklichkeit dem eigenen Selbst einzuverleiben“ (II 60). Die Konkupiszenz ist allseitig ausgeprägt, sie bezieht sich sowohl auf physischen Hunger, sexuelle Befriedigung und Macht, als auch auf Wissen, materiellen Reichtum und geistige Werte.
Der traditionellen dogmatischen Unterscheidung von Erbsünde (Zustandssünde) und aktueller Sünde (Tatsünde) entspricht bei Tillich die Unterscheidung der E. als Faktum und als Akt. Jedoch ist es „absurd, den allgemeinen Zustand der Menschheit vom völlig freien Handeln eines Menschen (Adam) abzuleiten“, vielmehr ist die „Sünde ein universales Faktum, noch bevor sie zu einem individuellen Akt wird, oder genauer gesagt: Sünde als individueller Akt aktualisiert das universale Faktum der E.“ (II 65).
Hinsichtlich der Frage nach dem Zusammenhang von individueller und kollektiver E. hebt Tillich hervor, dass es keine Kollektivschuld gibt, da eine soziale Gruppe im Gegensatz zur „Person“ kein Entscheidungszentrum besitzt (II 67). Dennoch hat persönliche Schuld Einfluss auf das Gesamtschicksal der Menschheit und auf das besondere Schicksal der sozialen Gruppe, zu der die Person gehört (II 68).
Die Folge davon, dass sich Mensch und Welt im Zustand der E. befinden, sind Selbstverlust und Weltverlust (II 69ff.), der wechselseitige Verlust der polaren Elemente des →Seins (→Freiheit und Schicksal, Dynamik und Form, Individualisation und Partizipation), sowie die Endlichkeit des Menschen (mitsamt ihren Folgen wie Tod, Leiden, Einsamkeit, Zweifel und Sinnlosigkeit) (II 76ff.).
Die Funktion des →Lebens, in der die E. und →Zweideutigkeiten des Lebens überwunden werden, ist die Religion (II 89). Ihre Tragik liegt jedoch darin, dass sie sich oft in Versuche der Selbsterlösung verwandelt (II 90), wenn der Mensch aus eigener Kraft versucht, das wiederzuerlangen, was er verloren hat. So ist die Religion letztlich eine Folge (und damit zugleich Ausdruck) der E. vom Grund des Seins (III 456).
Die tatsächliche Überwindung der E. ist das →Neue Sein in →Jesus als dem Christus (II 137). Im biblischen Bild von Jesus als dem Christus finden sich keine Züge des Unglaubens, der hybris und der Konkupiszenz (II 137f.).
Die Gegenwart des göttlichen Geistes schafft das Neue Sein jenseits der Spaltung von →Essenz und Existenz, also jenseits der E. (III 177). Allerdings ist diese Überwindung unter den Bedingungen der Existenz fragmentarisch (ebd.). Doch →„Geschichte als Offenbarungs- und Heilsgeschichte beginnt in dem Augenblick, in dem der Mensch sich seiner entfremdeten Existenz und seiner Bestimmung, diese E. zu überwinden, bewußt wird“ (III 417). Die endgültige Überwindung der E. und der Zweideutigkeiten des Lebens ist erst im Ziel und Ende der Geschichte, im →Reich Gottes, im →Ewigen Leben, gegeben (III 454). CP

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