Dimensionen

Mit dem Ausdruck „D.en“ möchte Tillich das benennen, wofür zumeist Begriffe wie „Schichten“, „Stufen“ oder „Abstufungen“ des →Lebens verwendet werden. Dadurch grenzt sich Tillich ab von der Vorstellung des Modells einer Pyramide von Schichten, einer hierarchischen Ordnung der verschiedenen Erscheinungsweisen bzw. Ausformungen des Lebens (III 23). Der Ausdruck „Schicht“, der die Idee von unterschiedlichen Graden des Seins, verschieden hohen ontologischen Qualitäten impliziert, ist deswegen zur Beschreibung der verschiedenen Ausprägungen des Lebens nur in mangelhafter Weise geeignet, weil er die Beziehungen zwischen den einzelnen „Schichten“ (sprachlich) nicht enthält und zum Ausdruck bringt.
Die Betrachtung des Lebens unter dem Aspekt seiner „vieldimensionalen Einheit“ ist letztlich eine veränderte, d.h. angemessenere und realistischere Sicht der Wirklichkeit, die deren dynamischen Charakter Rechnung trägt. Von daher kann die Lehre von der vieldimensionalen Einheit des Lebens stellenweise sogar programmatischen Charakter hinsichtlich von Wirklichkeitswahrnehmung und der Notwendigkeit der Partizipation an allen D. annehmen (III 199, 276).
D.en können sich kreuzen, ohne sich zu stören. Alle D.en sind stets gegenwärtig, wenn nicht aktuell, so doch potentiell. Bedingungen für die Aktualisierung einer D. sind, dass sich (1) schon andere D.en aktualisiert haben müssen und (2) bestimmte Konstellationen entstehen müssen, die die Aktualisierung einer neuen D. ermöglichen (III 26). Jede D. ist stets zumindest potentiell in einer anderen enthalten. D.en kommen nicht an einem bestimmten Punkt und nie ein für allemal zur Aktualisierung. Sie streiten fortwährend miteinander (III 37). Obwohl das hierarchische Stufenmodell aufgelöst ist, gibt es Wertunterschiede zwischen den D.en, wobei Werte als „Grade der Seinsmächtigkeit“ verstanden werden müssen (III 27f.).
Es gibt keine bestimmte Anzahl von D.en, denn D.en werden nach wandelbaren Kriterien bestimmt. „Der besondere Charakter einer Dimension, die ihren Namen verdient, zeigt sich in der Art, wie unter ihrer Vorherrschaft die Kategorien der Zeit, Raum, Kausalität und Substanz eine besondere Prägung erhalten“ (III 360373).
Als D.en nennt Tillich (III, 27–37):
(a) Die D. des Anorganischen, die die Voraussetzung für die Aktualisierung aller weiterer D.en ist.
(b) Die D. des Organischen, die sich in einen vegetativen und einen animalischen Bereich unterteilt.
(c) Die D. des Bewusstseins oder Psychischen, die sich aus dem animalischen Bereich der organischen D. heraus aktualisiert.
(d) Die D. des Geistigen, die nur im Menschen aktualisiert ist, und der als der „Einheit von Seins-Macht und Seins-Sinn“ (III 134) der größte Wert zukommt. Dabei umfasst →„Geist“ mehr als →Vernunft, nämlich auch eros, Leidenschaft und Gefühl, aber ohne die Vernunftstruktur wäre der Mensch nicht fähig, irgendetwas zu schaffen.
(e) Die geschichtliche als die letzte und allumfassende D., die nur im Menschen zu ihrer vollen Aktualisierung kommt (III 36). Charakteristika der D. des Geschichtlichen sind (III 346ff.): (1) zweckhafte, also mit Zweck verbundenen Handlungen; (2) →Geschichte geschieht unter den Bedingungen der (freilich nie absoluten) →Freiheit; (3) sie schafft sinnbezogenes Neues, (4) sie hat Bezug auf universalen, partikularen und teleologischen Sinn, und sie verweist auf das Sein-Selbst.
Durch diese vier Grundzüge unterscheidet sich die menschliche Geschichte von der geschichtlichen D. im allgemeinen, obwohl auch in allen anderen Lebensbereichen die geschichtliche D., allerdings unvollkommen, aktualisiert ist.
Ein „Bereich“ ist für Tillich ein Ausschnitt der Wirklichkeit, in dem eine spezielle D. vorherrschend ist und den Charakter eines jeden Exemplars (z.B. Mensch, Atom), das ihm angehört, bestimmt (III 27). CP