Dämonische, das

Das D. ist nach Tillich eine endliche Größe, die den Anspruch erhebt, unendlich und von göttlicher Größe zu sein, ein endliches Element, das zu unendlicher Macht und Bedeutung erhoben wird (III 125).
Tillich bezeichnet das D. als ein zentrales religiöses →Symbol (III 452), als ein fundamentales Phänomen im Bereich des →Lebens unter den Bedingungen der →Existenz (III 277).
Tillich stellt fest, dass das D. in der religiösen Sprache zu einem viel gebraucht und viel missbrauchten Begriff geworden ist, um antigöttliche Kräfte im Leben des einzelnen und der Gemeinschaft zu bezeichnen, wobei es durch den häufigen Gebrauch den zweideutigen Charakter, der ihm eigen ist, oft verloren hat. Dieser besteht darin, dass das D. nicht einfach eine Verneinung des Göttlichen ist, sondern an der Macht und Heiligkeit des Göttlichen partizipiert, aber in verzerrter Weise.
Das D. kann in allen →Dimensionen des Lebens auftreten, manifestiert sich aber am deutlichsten in der geschichtlichen Dimension, wo es mit dem Anspruch auftritt, das Ziel der →Geschichte darzustellen (III 393). Beispiele sind u.a. die dämonische Selbsterhebung einer Nation über alle anderen (III 125), die dämonische Selbsterhebung eines speziellen Elements innerhalb einer zentrierten Person (ebd.), eine mit letztgültigem Anspruch auftretende Lehre (Dogma) (III 129), eine Unbedingtheit beanspruchende historisch-wissenschaftliche Forschung (I 46), das sakral-priesterliche Element, das mit unbedingter Würde auftreten will (I 167), oder eine →Kirche, die die Unbedingtheit ihres Fundaments mit der Unbedingtheit ihrer Institution verwechselt (III 432). Überhaupt gibt es auf dem Gebiet der Religion eine besonders starke Anfälligkeit für das Dämonische. Auch in der Geschichte der Kirchen ist das Dämonische stets eine manifeste Macht gewesen (ebd.). Neben der Profanisierung ist die Dämonisierung, also die eigene Absolutsetzung, eine der Zweideutigkeiten, denen die Religion unter den Bedingungen der Existenz ausgesetzt ist (z.B. III 281).
Wo das Dämonische innerhalb eines zentrierten Selbst, einer Person, auftritt, hat es stets den Zustand der Besessenheit zur Folge. „Besessenheit ist dämonische Besessenheit“ (III 126; vgl. I 138). In diesem Zustand ist der →Geist in der Macht partikularer Elemente seiner selbst, die sich in sein Zentrum drängen und es dadurch zerstören (I 138).
Das Dämonische und die Furcht vor ihm sind unter den Bedingungen der Existenz für den Menschen unbesiegbar (III 213). „Das Dämonische kann nur vom göttlichen Geist besiegt werden“ (ebd.; auch III 280f.). Ausdruck der Überwindung des Dämonischen auf dem Gebiet der Religion durch den göttlichen Geist ist das →protestantische Prinzip (III 281). Das Christentum behauptet, dass die Macht des Dämonischen dadurch gebrochen ist, dass der →Christus, der Träger des →Neuen Seins, im Jesus von Nazareth erschienen ist (II 176), ein Geschehen, das Tillich als „letztgültiges, siegreiches, antidämonisches Offenbarungsereignis“ (III 386; vgl. III 432) bezeichnet. Unter den Bedingungen der Existenz ist aber diese Brechung der Macht des Dämonischen erst fragmentarisch verwirklicht; das →Reich Gottes führt hier einen innergeschichtlichen Kampf gegen die Kräfte der Dämonisierung und Profanisierung, die sich dem Ziel der Geschichte widersetzen (III 427, 429). Im Ziel und Ende der Geschichte aber ist das D. endgültig besiegt und aufgehoben; andernfalls würde eine Spaltung im Sein-Selbst verewigt werden, und das Dämonische, das für diese Spaltung charakteristisch ist, würde es erreichen, mit Gott gleich ewig zu sein (I 327). Aus diesem Grund lehnt Tillich auch die Lehre von der doppelten Prädestination und der ewigen Verdammnis als einen Widerspruch in sich ab.
Das D. kann nur aus dem göttlichen Grund des Seins selbst hervorgehen: „[…] so, wie das Göttliche sich und das Dämonische umfaßt.“ (I 254). CP

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